März 2015

Nichts als die Wahrheit…

Episode 31

Zwergelinchens Freundin ist zu Besuch. „Kannst du eigentlich schon schwimmen?“, fragt sie ganz nebenbei. „Naja, also…“, druckst Zwergelinchen herum, „… fast. Ein bisschen.“ Sie weiss, dass ihre Freundin in der Schwimmschule schon zwei Stufen weiter ist als sie. Nach einer kurzen Pause fügte sie an: „Aber letzte Woche bin ich vom Ein-Meter-Sprungbrett ins gaaaanz tiefe Wasser gesprungen im Kurs.“ Stille. Sie merkt, dass ich sie mit hochgezogener Augenbraue fixiere. Schuldbewusst fügt sie an: „Also okay, nicht vom Sprungbrett, aber vom Rand. Voll in die Tiefe und gaaaanz weit raus!“. Wäre ihre Freundin dabei gewesen, wüsste sie, dass ‚gaaaanz weit’ in diesem Fall ungefähr zehn Zentimeter bedeutet und ‚gesprungen’ eher so etwas wie auf dem Hintern über den Rand gerutscht. Und das alles auch erst, nachdem die Schwimmlehrerin fünf Minuten lang auf sie eingeredet hatte. Aber das spielt gar keine Rolle, denn während ich noch darüber nachdenke, wie es denn jetzt wirklich gewesen ist, sind die beiden schon längst beim nächsten Thema. Der todesmutige Sprung wurde von der Freundin akzeptiert und ist somit ab sofort wahr.

Das mit der „Wahrheit“ ist im Zwerge-Universum eine faszinierende Sache. Ich komme sogar langsam dahinter, wie sie funktioniert. Regel Nummer eins: Alles, was ein Zwerg erzählt, den du gern hast oder der älter ist als du, stimmt. Darum stimmt es auch, dass Lily einen richtigen Igel im Zimmer, ja sogar im Bett hat. Es stimmt einfach, weil es wahr ist. Regel Nummer zwei: Alles, was ein Zwerg erzählt, den du nicht magst, stimmt sicher nicht. Darum stimmt es auch nicht, dass Fabio erster beim Skirennen wurde. Geht ja gar nicht, denn Fabio ist doof. Regel Nummer drei: Wenn es um eine Situation geht, in der du dabei warst, kennst du die Wahrheit. Und zwar die einzige, alleinige und absolut richtige Wahrheit. Und die verteidigst du – wenn es sein muss – mit deinem Leben. Denn du weisst schliesslich, wie es wirklich war. Und wenn die anderen das nicht kapieren wollen, dann gibt es eben Streit. Und zwar richtigen! Bis die angestaute Energie draussen ist und ein neues Gesprächsthema gefunden ist.

Ich muss zugeben, das System funktioniert gar nicht schlecht. Die Zwerge leben wunderbar damit, umgeben sich mit den tollsten virtuellen Familienmitgliedern, Haustieren und Gegenständen, haben Fähigkeiten, von denen wir nur träumen können, und geniessen so nicht nur ihre eigenen Fantasien, sondern auch die ihrer Freunde gleich mit.

Blöd wird es eigentlich nur, wenn Zwergen-Wahrheiten auf Eltern-Wahrheiten treffen. Beziehungsweise, wenn Eltern einfach alles kaputtmachen. Zum Beispiel als mein kleiner Bruder auf die Welt kam. Da bekam meine Freundin nämlich auch einen. Das war super: Wir konnten unser schweres Schicksal teilen – ihr Baby machte dieselben Probleme wie unseres! Schreien und sabbern und stinken und so… Bis es für inexistent erklärt wurde. Unsere Mütter hatten sich getroffen und sich herrlich über das erfundene Geschwisterlein meiner Freundin amüsiert. Dabei war es doch so schön gewesen…

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März 2015

Gut eingepackt?

Episode 30

Endlich! Der Frühling kommt. Ich freue mich. Denn so viele schöne Seiten der Winter auch hat, er hat eine unglaublich mühsame: Das tägliche Zwerge-Eingepacke. Die Prozedur kostet mich jeden Morgen gute zwanzig Minuten Zeit und verschlingt etwa gleich viel Energie wie eine Runde joggen.
Alles beginnt mit der Wahl der richtigen Hose. Das mag banal klingen, ist aber in Wirklichkeit die erste Knacknuss. Denn je nach dem, ob gerade Wald-, Turn- oder Ausflugstag in Kindergarten oder Krippe angesagt sind, muss die Beinbekleidung dementsprechend angepasst werden. Regnet es? Dann bitte dünne Regenhosen über die Jeans. Schliesslich sollen die Zwerge ja in der Pause im Matsch spielen können. Es schneit? Dann bitte Regenhosen über Thermohosen, sonst wird’s womöglich zu kalt. Waldtag im Januar? Bitte die Schneehose nicht vergessen – genauso wenig wie die Leggins, die Kniestrümpfe und die Moon Boots darunter. Die Kleinen gehen turnen? Ja keine Überhose und Knöpfe schon gar nicht! Man will ja nicht die letzte sein, die aus der Umkleide kommt. Bloss: was tun, wenn es am Turntag schneit? Keine Ahnung.
Hat man die richtige Hose schliesslich gefunden, muss man die kleinen Beinchen dann auch noch irgendwie in die Stiefel kriegen. Was meistens einiges schwieriger ist, als man vermuten könnte. Denn so warm, wasserdicht, atmungsfähig und ergonomisch ganzen Hi-Tech-Gore-Tex-Thinsulate-Zwergenstiefel auch sind – sie sind eine Qual zum Anziehen. Zumal sie ja – je nach Tag – über oder unter die ganzen Hosenschichten gepackt werden müssen. An diesem Punkt kommt auch immer der erste Schweissausbruch. Entweder beim Zwerg, der dummerweise die superwarme und superdicke Jacke schon vor den Stiefeln angezogen hat und bereits weichgekocht dasteht, oder bei mir, die seit fünf Minuten versucht, den Reisverschluss der Stiefel hochzukriegen, während sich der Zwerg an meinen Haaren festhält, um vom Gezerre nicht zu Boden gerissen zu werden.
Immerhin ist das Schlimmste danach überstanden. Es fehlen nur noch Kappe, Schal, Handschuhe (aber bitte wasserdicht!), Kindergarten-Streifen und Tasche. Ist das alles gefunden und montiert, können die Kleinen endlich raus. Zwar sehen sie aus wie Astronauten (und bewegen sich auch so) aber jetzt kann ihnen kein Wetter mehr etwas anhaben!
Da frage ich mich gerade, wie wir damals den Winter überleben konnten in unseren Wollhandschuhen, Stoffhosen und Lederstiefeln, die sich alle nach fünf Minuten Schneeballschlacht bereits mit Wasser vollsogen. Waren wir nicht furchtbar arme Geschöpfe? Oh nein. Denn es war einfach herrlich, sich die durchnässten Zehen und steifgefrorenen Finger zu Hause wieder warm massieren zu lassen…

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