Mai 2014

Knastbruder Tony

Episode 11

Der Tony ist ein armer Hund. Nicht nur, dass er ein Mops ist und somit eigentlich schon eher zur Gattung der Katzen gehört. Manchmal geht er im Familientrubel auch einfach ein wenig vergessen. Und einmal, da wurde er auch einfach entführt. Gut, die Entführer würden sagen, er wurde gerettet. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

Ich bin auf jeden Fall erst einmal zusammengezuckt, als ich den Anruf der Polizei erhielt. „Sind Sie die Besitzerin von Tony? Er wurde gefunden. Sie brauchen sich keine Sorgen mehr zu machen.“ Ach so, war er denn überhaupt weg? Ich hatte keine Ahnung, wovon der nette Herr sprach. „Also laut Chip-Verzeichnis gehört der Mops ihnen…“

Was war passiert? Der liebe Tony ist ein sehr gemütliches Wesen. Manchmal muss er regelrecht in den Garten gezwungen werden, damit er sich die kurzen Beinchen vertreten und allfällige Bedürfnisse verrichten kann. Um zu verhindern, dass er gleich wieder umkehrt und zurück aufs Sofa rennt, muss man dabei die Türe hinter ihm schliessen. Ist die Türe aber mal zu, kann es passieren, dass man ihn draussen vergisst. Das ist auch (zumindest im Sommer) nicht weiter schlimm – es ist nur blöd, wenn dabei das Gartentor sperrangelweit offen steht.

So geschah es, dass am besagten Tag Tony vor dem Haus auf der Strasse herumspazierte und mitten auf der Fahrbahn stehen blieb, als ihm ein Auto entgegen kam. Die tierliebe Lenkerin bremste natürlich und entschloss sich kurzerhand den vermeintlichen Streuner zur Polizei zu bringen. So begann Tonys Odyssee durch die Mühlen der veterinären Justiz-Anstalten.

Da ich nämlich zur Tatzeit nicht zu Hause, sondern bei der Arbeit war, erreichte mich der besagte Anruf erst zwei Stunden nach Tonys Inhaftierung. Und während meine Freundin, die ihn in den Garten gelassen hatte, verzweifelt das Quartier nach dem verschwundenen Hund absuchte, war dieser bereits von der Polizeiwache zur Auffangstation des kantonalen Veterinäramts gebracht worden.

Bezeichnender Weise liegt die Auffangstation für gefundene Tiere auf dem Schlachthof-Areal ausserhalb der Stadt. Ich machte mich also auf den Weg und nachdem ich etliche Formulare unterzeichnet, mir eine Moralpredigt angehört und die Auslöse-Gebühr bezahlt hatte, erklärte mir die Dame am Schalter, dass ich nun quer durchs Areal laufen und hinter dem grossen Kühlhaus bei der Barracke, auf der Auffangstation steht, klingeln solle. „Sind sie denn nicht mit dem Auto da?“, fragte sie noch mit Blick auf meine hohen Schuhe. Nein, kein Auto. Und ja: falsche Schuhe. Gebt mir doch jetzt einfach meinen Hund! Das tat der nette, von oben bis unten durchtätowierte Mann dann auch, der bereits vor der Tür der Barracke stand und mich anlachte. Er hatte mich wohl schon zwischen den Kühllastern hindurch stackeln gehört. Tony wedelte fröhlich an der Leine und fand’s super. Sowas Cooles wie ein Knastbesuch machte ihn ja auch schon fast wieder zum richtigen Hund. Nur für’s Tattoo hatte die Zeit leider nicht gereicht…

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Mai 2014

Räubergeschichten

Episode 10

In jeder Familie gibt es Räubergeschichten. Sie basieren auf wahren Begebenheiten und handeln von abenteuerlichen Momenten, Unfällen, Streichen oder sonstigen unerwarteten Zwergen-Aktionen. Manche sind spektakulär, manche lustig, andere wiederum beängstigend. Aber alle werden wie Schätze gehütet, regelmässig hervorgeholt und jahrelang genüsslich wieder und wieder erzählt. Mit Vorliebe von den Zwergenmamas, während die (inzwischen herangewachsenen) Teenager-Zwerge gelangweilt die Augen verdrehen. Es ist dabei immer dasselbe: in dem Moment, wo die Räubergeschichten passieren, wünscht man sich ganz weit weg. Aber im Nachhinein würde man sie nie wieder hergeben wollen.

Meine Familie hat eine überdurchschnittlich grosse Schatztruhe voller Räubergeschichten. Denn mein Bruder war ein richtiger Räuberzwerg. Natürlich ein lieber. Aber ein Räuber. Zum Beispiel als er mit Akrylfarbe quer über das Garagentor seines (natürlich sehr bösen, ungerechten und fiesen) Primarlehrers „Ars**loch“ schreiben wollte. Leider – oder Gott sei Dank – war der Topf nach dem „l“ leer. Die Farbe reichte zwar nicht, um das Wort fertig zu schreiben, aber es war noch genug da, um eine Tropfspur bis zu unserem Haus zu hinterlassen. Das war teuer.

Auch gern erzählt wird die Geschichte, als er als Fünfjähriger mit dem Velo seitwärts in ein Fahrschulauto gerast ist. Dabei spickte er vom Rad und flog über die Motorhaube. Auf der anderen Seite stand er sofort wieder auf, schnappte sich sein Velo und versteckte es in der Parallelstrasse (Spuren verwischen!). Dann schlich er über einen Umweg nach Hause und setzte sich schweigend aufs Sofa. Dass er einen gebrochenen Arm hatte, fiel erst später auf. Währenddessen sass der geschockte Fahrschüler weinend auf dem Bordstein und wurde von einer Passantin getröstet. Sein Fahrlehrer klingelte der Reihe nach an allen Haustüren, um herauszufinden, wem der Kamikaze-Zwerg gehörte und ob er noch lebte…

Doch das Schöne an Räubergeschichten ist ja: Sie haben per Definition ein Happy End. Und so hat auch mein Bruder seine Kindheit überlebt. Genauso wie der Zwergenvater, über den ich auch schon manch spektakuläre Räuberei gehört habe.

Und ihr, meine lieben Prinzessinnen, was werden wir von euch zu erzählen haben? Dass auch ihr es faustdick hinter den Ohren habt, ist unbestritten. Doch als eure Mutter habe ich immer noch die Hoffnung, dass die härtesten Räubergeschichten-Gene auf dem Y-Chromosom liegen und nur an Söhne vererbt werden. Obwohl: ein bisschen schade wäre es ja schon…

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Mai 2014, Uncategorized

Sockenmemory

Episode 9

Kürzlich postete eine Facebook-Freundin von mir ein Foto, auf dem 5 verschiedene (einzelne!) Kindersocken zu sehen waren. Als Kommentar hatte sie geschrieben: „Memory geht anders!“. Ich hätte sie umarmen können. Endlich wusste ich: ich bin nicht alleine! Offenbar kämpften auch andere Mütter damit, die unzähligen kleinen Zwergensöckchen in Paaren zu halten.

Doch wie kann das eigentlich sein? Wie kann Materie einfach verschwinden? Es ist ja nicht so, dass ab und zu mal eine einzelne Socke nach dem Waschen übrig ist und die dazugehörige dann nach ein paar Tagen von alleine auftaucht. Ich habe einen ganzen Karton voll schwervermittelbarer Sockensingels! Weiss mit rosa Punkten, weiss mit lila Punkten, lila mit weissen Punkten, rosa mit Streifen, rosa und lila Streifen, Sterne, Bambi, Micky Maus – es ist zum verrückt werden.

Früher, als wir noch im Mehrfamilienhaus wohnten und ich die Wäsche in den riesigen Gemeinschaftsmaschinen wusch und trocknete, hatte ich immer den heimlichen Verdacht, dass diese Monster Socken fressen – oder zumindest irgendwie verschwinden lassen. Doch seit wir unsere eigene, ziemlich kompakte und durchsuchbare Wachmaschine haben, weiss ich, dass weder die Waschmaschinen- noch die Tumblertrommel schuld sind. Zu oft und zu penibel habe ich bereits alle Ritzen und Öffnungen abgesucht, um zu wissen, dass dort keine Söckchen hängenbleiben.

Es mussten also die Wäschekörbe sein. Wo sonst konnte ein Sockenpaar, das als solches gekauft und auch getragen wurde, auseinandergerissen werden? Doch auch die Wäschekörbe waren nicht die Antwort auf das Mysterium. Gut, nachdem ich einmal konsequent alle auf einmal geleert hatte und gezielt auf Zwergensockenfang gegangen bin, hatte ich einige getrennte Paare wieder zusammenführen können. Doch im Vergleich dazu, wie viele Socken noch einsam im Single-Karton lagen, war der Erfolg ziemlich miserabel. Ich beschloss also, es gelassen zu nehmen, denn ändern konnte ich es offenbar nicht. Und dann – als ich es am wenigsten erwartete – erlebte ich einen bedeutenden Durchbruch . Beim Aufräumen der Spielküche fand ich gestern in einem Kochtopf eine kleine gepunktete Socke. „Was ist das denn?“, wollte ich verärgert wissen. „Ja Suppe, natürlich!“ kam die Antwort zurückgeschmettert, „Oder was kochst du denn im Topf?!“. Aha, jetzt kommen wir dem Mysterium langsam auf die Schliche…

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