Juni 2014, Uncategorized

Alleine unterwegs

Episode 13

Heute fuhren das Zwergelinchen und ich mit dem Tram zur Tanzstunde. Obwohl es mit dem Auto viel schneller und bequemer geht, bevorzugt Zwergelinchen nämlich das Tram. Denn so ist die Fahrt an sich schon ein kleines Abenteuer. Andere Menschen beobachten, die Werbeplakätchen studieren, Konversationen mithören und – allem voran – den roten Knopf zum Aussteigen drücken. Tramfahren ist einfach faszinierend.

Bis jetzt fuhren das Zwergelinchen und ich immer zusammen Tram. Am liebsten sass sie auf meinem Schoss, auch wenn es genügend freie Sitze für beide hatte. Beim Ein- und Aussteigen hielt sie sich dann so fest an meiner Hand, dass ich um die Blutversorgung meiner Finger fürchten musste. Und sie war immer besonders brav, denn sie wusste, dass Tramfahren auch gefährlich sein kann (Wer geht schon gern im Menschengewühl der Rushhour verloren?). So war das jedenfalls bis gestern.

Heute wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. Heute war das Zwergelinchen nämlich alleine unterwegs. Schon auf dem Weg zur Station hatte ich bemerkt, dass sie mir ihr Händchen nur widerwillig und auch nur gerade zum Überqueren der Strasse gab. Sobald wir das Trottoir wieder erreicht hatten, zog sie es weg und lief demonstrativ einige Schritte voraus. Sie wusste schliesslich, wo sie hin wollte! Die (viel zu grosse) Tasche über der Schulter, den ernsten Blick geradeaus ging sie ihres Weges.

Als das Tram kam und ich, wie gewohnt, nach ihrer Hand griff, wurde sie wütend. „Lass mich, ich bin erwachsen! Ich fahre allein!“, zischte sie, riss sich los, warf die Haare in den Nacken und stieg ein. Sie kletterte auf den Sitz gleich neben der Türe und sah aus dem Fenster. Ich wurde keines Blickes gewürdigt beziehungsweise ich war ja gar nicht da. Also nahm ich diskret schräg gegenüber Platz und sah auch aus dem Fenster. So fuhren wir – zwei Fremde – einige Stationen weit ohne einander (offiziell) anzusehen. Bis der Mann mit dem grossen schwarzen Schäferhund einstieg. Der Hund war so gross, dass seine Schnauze beim Vorbeigehen beinahe Zwergelinchens Gesicht gestreift hätte. Ein kurzer Angstschrei, ein grosser Satz und schwupps, sass sie wieder auf meinem Schoss. Ich umarmte sie genüsslich und wir fuhren schweigend weiter. Zusammen Tram fahren ist eben doch schöner!

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Juni 2014

Auge um Auge

Episode 12

Ein spitzer Schrei gellt durchs Haus. Erschrocken springe ich auf und renne die Treppe hinunter. Was ist los? Zwergelinchen steht heulend im Gang. Verzweifelt schimpft und stampft sie vor sich hin. Ich verstehe kein Wort, aber bin erleichtert. Wenn sie so wütend sein kann, ist ihr offensichtlich nichts Schlimmes passiert. Ihr nicht. Aber dem armen Niluferd schon…

Niluferd ist ein Schaf und eine wichtige Person im Zwergenland. Er ist Zwergelinchens bester Freund. Ohne ihn schläft sie gar nicht gern ein. Und wenn sie Sorgen hat, dann tröstet er sie. Nun sehe ich ihn durch die Luft fliegen – Zwergelinchen hat ihn angewidert in die Ecke geschmissen. „Wieso bist du böse auf Niluferd?“ frage ich erstaunt. „Nicht der Niluferd ist bös. Tony ist bös!“, schluchzt sie verzweifelt. „Er hat ihn verbissen, jetzt hat er kein Auge mehr!“. Das Drama ist also grösser, als ich gedacht hatte. Tony, der (echte) Hund, hat in einer Frustattacke („Warum schmust ihr immer mit denen aus Plüsch anstatt mit mir?“) Niluferds linkes Auge gefressen. Oder zumindest weggekaut.

Ich hebe den Verwundeten auf: „Schau mal, so schlimm ist das doch nicht. Wir machen ihn sauber und kleben ihm ein Pflaster drauf. Dann sieht er aus wie ein mutiger Pirat. Eigentlich ist er jetzt noch cooler!“. Ich gebe wirklich mein bestes, um den einäugigen Niluferd zu etwas ganz Besonderem zu machen. Mit Erfolg: nach einiger Überzeugungsarbeit hat sich Zwergelinchen beruhigt und ist bereit dazu, Niluferd zu verarzten. Immer noch etwas skeptisch legt sie ihn in ihr Bett, damit er sich ausruhen kann. Wir geben ihm beide ein Küsschen. Stolz auf die gelungene Wiederbelebung des Totgeglaubten lege ich die Geschichte ad acta, denn jetzt ist ja alles wieder gut…

Als ich am nächsten Morgen Niluferd unter dem Bett vorfinde, lege ich ihn mechanisch wieder aufs Kopfkissen. Er muss in der Nacht rausgefallen sein, so wie schon oft. Doch nach ein paar Tagen fällt mir auf, dass Niluferd jeden Morgen unter dem Bett liegt. Und im Puppenwagen hat er auch schon lange nicht mehr mitfahren dürfen. „Armes Tier!“, denke ich und klopfe ihm den Staub vom Fell. Da fällt mir erst auf, wie schrecklich er eigentlich aussieht. Das Pflaster ist natürlich längst weg und aus der klaffenden Wunde hängen überall Fäden heraus. Es war wohl doch etwas viel verlangt von Zwergelinchen, neben diesem Zombie-Gesicht schlafen zu müssen! Und für die Lektion in „Die inneren Werte zählen“ ist es definitiv noch etwas zu früh. Ich beschliesse darum, Niluferd einen Knopf als Augenersatz anzunähen. Seither darf er wieder mitspielen. Zwar nicht in der ersten Liga (da hat inzwischen ein Hase seinen Platz erobert), aber immerhin schläft er nicht mehr unter dem Bett. Ja, das Leben kann hart sein im Zwergenland…

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