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Das Tagebuch

Episode 60

Als die Zwergenprinzessin letzten Sommer erklärte: „Mama, ich wünsche mir ein Tagebuch!“, war ich ziemlich erstaunt. Schliesslich konnte sie zu dem Zeitpunkt weder lesen noch schreiben. „Das macht nichts“, antwortete sie, „du kannst ja schreiben. Ich sage dir, was“. Gespannt, ob aus dem Projekt etwas werden würde, schenkte ich ihr also ein schönes kleines Notizbuch. Sie begann, es mit Zeichnungen, Klebern und Collagen zu füllen und hin und wieder schrieben wir gemeinsam ein paar Sätze hinein. Zum Beispiel folgende: „Heute haben wir Dornröschen geübt für die Aufführung am Kindsgi-Fest. Das lange Warten war langweilig. Das Spielen war schön. Es hat geregnet“. Das Zwerglein diktierte, ich schrieb und es entstanden wunderbare kurze Erinnerungsstücke für die Ewigkeit. Alle einzigartig und doch gleich.

Als ich gestern das besagte Tagebuch auf dem Schreibtisch im Zwergenzimmer liegen sehe, greife ich ganz selbstverständlich danach, um zu sehen, was sich Neues darin getan hat. Denn mittlerweile hat die Zwergenprinzessin schreiben gelernt und notiert ihre Einträge selbst. Zuerst hatte sie sich zwar geweigert, die mühsame Arbeit zu übernehmen, sich aber irgendwann damit abgefunden. Doch als ich gerade zu blättern beginne, höre ich sie plötzlich rufen: „Hey! Was machst du da? Das ist geheim! Das darfst du nicht lesen!“. Perplex halte ich inne. „Das wusste ich nicht“, antworte ich verlegen. „Wir haben doch früher zusammen reingeschrieben.“ – „Ja, aber jetzt nicht mehr!“, sagt sie resolut und nimmt mir das Buch aus den Fingern. „Da stehen GEHEIMNISSE drin!“, erklärt sie und blickt mich bedeutungsvoll an. „Wozu hat man denn sonst ein Tagebuch?!?“. Ich entschuldige mich und verspreche, das Buch ab sofort nicht mehr ungefragt zu öffnen. Schliesslich geht es mich nichts an, welche Vornamen da von Herzen umrahmt geschrieben stehen (obwohl ich sie natürlich zu gerne wüsste!) und was sonst noch in dem kleinen Köpfchen vorgeht. Ihr Tagebuch ist privat geworden, noch bevor ich überhaupt gemerkt habe, dass sich etwas verändert.

Was ist da passiert? Kommt jetzt langsam der Moment, den sich wohl alle Eltern wünschen und den sie gleichzeitig am meisten fürchten? Der Moment, wenn aus ihren Zwergen kleine Individuen werden? Denn wenn sich ihre Geheimnisse nicht mehr alle gleichen, ihre Emotionen persönlich und ihre Verhaltensweisen individuell werden, beginnen sie auch, ihre Privatsphäre zu schützen. Und wir, die bis jetzt den Freipass zum Stöbern hatten, werden gebeten, Abstand zu halten. Ja, das ist jetzt wohl dieser Moment.

Nun, liebes Zwerglein, du hast völlig recht. Es ist an der Zeit, dass ihr eure Tagebücher selbst weiter schreibt und ich dieses hier – mit einem lachenden und einem weinenden Auge – schliesse.

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