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Ich bin Mistral!

Episode 59

Eine der wohl schönsten Fähigkeiten, die Zwerge haben, ist die, sich in verschiedene Persönlichkeiten verwandeln zu können. Sie können sich dermassen in ihre Fantasierollen hineinversetzen, dass sie ihre wahre Identität komplett ablegen. Dabei ist es egal, ob sie gerade Mutter-Vater-Kind spielen oder Kindergartenszenen nachstellen oder als Einhörner durch ihre Fantasiewelt fliegen. Wenn sie drin sind, sind sie drin. Und dann haben sie eine erstaunlich genaue Vorstellung davon, wie sie aussehen und was sie können.
Im besten Fall klingt das dann so: „Hey, weg da! Ich muss da durchfliegen!“ – „Nein! Zum dritten Mal: wir können am Tag nicht fliegen! Einhörner fliegen nur nachts!“ – „Das ist blöd. Sagen wir doch, ich hätte Spezialkräfte.“ – „Aber das geht nicht! Ich kann doch auch nichts dafür, dass es so ist.“ – „Ja, gut, ich weiss. Aber dann kann ich wenigstens Lava zaubern, okay?“ – „Okay. Dafür kann ich aber Eis machen. Und ich habe ein Regenbogen-Horn, okay?“ – „Okay. Und ich wäre schon erwachsen, okay?“ – „Okay“.
Komplizierter wird es, wenn mehrere Zwerge die gleiche Rolle spielen möchten, zum Beispiel eine bestimmte Trickfilmfigur. Das kann zu erheblichen Konflikten führen, ja sogar zum Spiel-Stillstand. Das klingt so: „Ich bin Heidrun und mein Drache ist Schwertschwanz!“ – „Nein, ich bin Heidrun! Du warst gestern schon Heidrun!“ – „Ja, aber ich habe es zuerst gesagt!“ – „Und du kannst auch nicht den tollsten Drachen einfach nehmen!“ – „Aber Heidrun hat immer Schwertschwanz…“ – „Mir egal. Ich will den Schwertschwanz!“ – „Dann spiele ich nicht mit!“ – „Und ich auch nicht!“. Und das war’s dann mit der Drachenwelt. In solchen Momenten hilft auch alles Intervenieren nichts. Das habe ich einmal versucht, mit dem Vorschlag, man könnte ja sagen, es gäbe zwei Schwertschwanz-Drachen. Aber das war total daneben, wie ich erfahren musste. Denn nur weil eine Fantasiewelt nicht sichtbar ist, heisst das noch lange nicht, dass man einfach erfinden kann, was man will! Und da ich da offenbar nicht im Stande bin, die Spielregeln nachzuvollziehen, halte ich mich seither aus den Rollenstreitigkeiten raus – wenn ich nicht gerade wieder als Schiedsrichterin beigezogen werde, wie gestern.
Wir sitzen auf dem Sofa und schauen einen Trickfilm. Da taucht ein schwarzes Pferd auf dem Bildschirm auf. Die Zwergenprinzessin schreit aufgeregt: „Der bin ich! Das ist Mistral! Mama, der bin ich!“. Da springt das Zwergelinchen auf und brüllt: „Nein, nein, nein! Ich bin Mistral!“. So geht das zwei, drei Mal hin und her, bis ich den Fernseher ausschalte und frage: „Wieso könnt ihr denn um Himmels willen nicht beide einfach Mistral sein? Jede in ihrem Kopf. Ihr schaut doch nur zu. Da kann sich doch jede denken, was sie will“. Sie setzen sich wütend, mit verschränkten Armen und schnaubendern Nüstern wieder hin. „Stellst du dann wieder an?“ fragt Zwergelinchen. „Ja“, antworte ich. „Okay, dann halt. Dann sind wir heute eben beide Mistral. Aber morgen NUR ich!“. Okay, ich kapier’s wirklich nicht.

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