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Ode an die Freude

Episode 58

Jeder, der schon einmal versucht hat, seinen Zwergen „klassische“ Kinderliteratur vorzulesen, wie zum Beispiel Jim Knopf oder den Räuber Hotzenplotz, weiss, wie sehr sich die deutsche Sprache in den letzten fünfzig Jahren verändert hat. In jedem zweiten Satz lauern Stolpersteine wie „allenthalben“ oder „ausnehmend“, die von den Zwergen des 21. Jahrhunderts schlicht und ergreifend nicht verstanden werden (und ganz ehrlich: bei Wörtern wie „kalfatern“ oder „Spritzenhaus“ komme auch ich so ziemlich an meine Grenzen). So richtig lustig wird es aber erst, wenn man versucht, ihnen Gedichte von Friedrich Schiller näher zu bringen. Nicht, dass ich das aktiv unternommen hätte – die Aufgabe wurde mir gestern eher ungewollt zuteil.
Seit Wochen bereitet sich nämlich die Zwergenprinzessin in der Schule auf das grosse Frühlingssingen vor. Fleissig und voller Inbrunst übt sie zu hause, unterwegs, tags und nachts die verschiedenen Lieder, die ihre Klasse den anderen Schülern vorsingen wird. Sehr zur Freude ihrer kleinen Schwester, die automatisch alles nachsingt, was sie hört. Und so trällert das Zwergelinchen gestern ganz arglos ihre Interpretation von Beethovens Ode an die Freude. „Freude, schöner Götterfunkel, Schwester aus Elisien…“ tönt es aus ihrem Zimmer. Belustigt lausche ich dem Spektakel und verkneife mir gerade das Lachen, als die Zwergenprinzessin interveniert: „Nein, faaaaalsch! Es heisst: Schwester aus Elisi-O!“. Jetzt kann ich mich nicht mehr zurückhalten und pruste los. „Was ist?“, wollen die beiden wissen. „Also erstens heisst es Tochter und nicht Schwester, zweitens ist sie aus Elisi-EN und drittens ist es ein Götterfunk-E und kein Funk-EL“. „Was ist denn überhaupt ein Götterfunkel?“, will das Zwergelinchen wissen. „Und wo ist dieses Elisium?“, doppelt ihre Schwester gleich nach. „Also, ehm, Elisien ist kein Land oder so…“, versuche ich zu erklären. „Ehm… Es geht hier um die Freude. Die ist so schön, wie ein strahlender Stern. Ehm, also wie ein Funke, der von Gott gesandt wurde…“. Ich habe sichtlich Mühe, den Inhalt für Fünf- bis Siebenjährige herunter zu brechen.  „Und was ist jetzt mit der Tochter?“ fragt das Zwergelinchen ungeduldig. Ich gebe auf. Keine Chance. Jetzt weiss ich, warum wir dieses Stück erst in der Oberstufe gesungen und – ganz ehrlich – auch dann nicht wirklich verstanden haben. „Ach, wisst ihr was, singt es, wie ihr wollt. Es ist so oder so schön. Und den Text erkläre ich euch in ein paar Jahren“, beschliesse ich und ergänze leise: „…oder auch nicht.“ Gottseidank ist wenigstens die Sprache der Musik universell. Das muss vorläufig in Punkto klassische Bildung reichen.

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