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Sonntagmorgen

Episode 57

Hätte mir vor zehn Jahren jemand gesagt, dass ich den Sonntagmorgen zwischen acht und neun Uhr als den schönsten Moment des Wochenendes geniessen könnte, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Heute nicht mehr. Heute stelle ich manchmal sogar den Wecker, um diesen Moment nicht zu verpassen.

Es ist der Moment der Ruhe und Harmonie, wie er in einem Zwei-Zwerge-Haushalt sonst nicht vorkommt. Während ich ganz leise aufstehe und die Treppe hinunterschleiche, um ja nicht dabei ertappt zu werden, dass ich meinen Tag beginne, macht sich ein wunderbares Gefühl von Freiheit breit. Zwar ist diese Freiheit auf ziemlich genau eine Stunde und den Radius unseres Wohnzimmers beschränkt, aber sie fühlt sich an, als wäre sie die ganze Welt. Denn sie ist für einmal nicht teuer erkauft, sie geht niemandes zulasten, ich weiss, dass alle – ganz ohne mein Zutun und ohne meine Aufmerksamkeit – glücklich und zufrieden schlummern.

Zu diesem Sonntagsritual gehören normalerweise frischer Kaffee, Toast mit Konfitüre, eine Zeitschrift (Mode, Klatsch und andere Belanglosigkeiten), der Laptop (Surfen, Facebook, Youtube und was sonst noch so Spass macht) oder mein Handy (endlich in Ruhe alle SMS und WhatsApp beantworten und Freunde fragen, wie es ihnen eigentlich so geht). Manchmal gesellt sich auch der Zwergenvater dazu, ohne dass dies jedoch einen Einfluss aufs Programm hätte. Das ungeschriebene Gesetz lautet: Ruhe geniessen und mental alleine sein. Wenn die Zwerge aufwachen, geht es mit der Interaktion noch früh genug los.

Doch gestern ist die Zwergenprinzessin früher als gewöhnlich auf den Beinen. Gut gelaunt und voller Energie schmiegt sie sich zu mir aufs Sofa. Völlig geistesabwesend und in meine Internet-Recherche nach dem nächsten potenziellen Urlaubsziel vertieft, wünsche ich ihr einen guten Morgen und schicke sie mit einer Kopfbewegung zu Ihrem Vater rüber, der ihr doch mit dem Frühstücksmüesli helfen soll. Doch dieser sitzt ganz konzentriert über der Sonntagszeitung am Küchentisch. „Das kannst du doch längst selbst“, höre ich ihn murmeln, ganz ohne dass sich sich sein Kopf dabei bewegt. Die Zwergenprinzessin macht sich also ihr Müesli, setzt sich schweigend an den Tisch und beginnt zu essen. Irgendwann wird es ihr aber doch zu langweilig. „Und was soll ich jetzt bitte machen?“ fragt sie. „Beschäftige dich selbst! Das muss man auch mal können“, erwidert der Zwergenvater. „Ach ja? Und wie soll das gehen?“, fährt sie ihn an. „Ich habe keine Zeitung, keinen Computer und kein Handy! Was schlägst du also vor?“ Wir blicken uns beide ratlos-verlegen an: Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Und mit zwei Medien-Junkies als Vorbilder ist das Leben wirklich nicht so einfach…

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