Uncategorized

Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Episode 56

Die Winterferien verbringen wir gerne im Schnee. Besonders die Zwerglein freuen sich jedes Mal aufs Skifahren, auch wenn sie dazu in die Skischule müssen. Heute – es ist der letzte Tag – steht wie immer das obligate Skirennen aller Klassen auf dem Programm. Aufgeregt montieren die Zwerge ihre Ausrüstung. Die Anspannung ist ihnen anzusehen. Während sich das Zwergelinchen vor allem Sorgen darüber macht, dass sie hinfallen oder ihre Eltern in der Menschenmenge verlieren könnte, beschäftigt die Zwergenprinzessin bereits die Frage, ob sie wohl Chancen auf einen Podest-Platz hat. Letztes Jahr hat sie eine Bronzemedaille gewonnen, doch sie ahnt, dass es diesmal schwierig wird. Die anderen Zwerge in ihrer Gruppe sind alle älter und erfahrener. Ich spüre, dass es der Moment ist, ihr den Olympischen Gedanken zu erklären. „Weisst du, es ist völlig unwichtig, auf welchen Rang du fährst“, sage ich. „Das Wichtigste ist, das du dein Bestes gibst. Dabei sein ist alles!“. Der Zwergenvater doppelt nach: „Wir sind so oder so stolz auf euch! Wichtig ist, dass ihr mitmacht. Wie schnell ihr dabei seid, ist egal“. „Ja, und dass ihr euch nicht verletzt ist noch viel wichtiger!“, ergänze ich. „Genau! Lieber sicher fahren als schnell“, beteuert der Zwergenvater. Wir können gar nicht mehr aufhören. Doch je weiter wir uns in unsere Rede hineinsteigern, desto skeptischer werden die Kleinen. Die Zwergenprinzessin ahnt, dass da mit der Logik etwas nicht stimmt: Wieso ein Rennen, wenn die Geschwindigkeit nicht zählt? Doch sie lässt es auf sich beruhen. Sie hat jetzt keine Zeit zu diskutieren, es geht los!
Nachdem alle Teilnehmer erfolgreich im Ziel angelangt sind – es wahren gefühlte 200 – folgen die grosse Siegerehrung und die Rangverkündung. In ihren Gruppen werden die Zwerge auf die Bühne geholt, mit Medaillen und Ballonen versehen, beklatscht und bejubelt. Alle haben es geschafft. Das Zwergelinchen wird zu ihrer eigenen Überraschung sogar dritte ihrer Gruppe und darf auf das Podest steigen. Sie strahlt – bis sie ihre Medaille bekommt. Da verdüstert sich ihr Blick. Auch die Zwergenprinzessin ist eher verhalten. Es hat nicht unter die ersten drei gereicht. Doch sie lächelt tapfer. Noch ein Foto, dann dürfen alle Zwerge zu ihren Eltern. Als wir unsere kurz später im Gewühl wiederfinden, grinsen sie beide wieder von einem Ohr zum anderen. Die Zwergenprinzessin hat die grosse Bronzemedaille um den Hals, das Zwergelinchen dafür die kleine goldene Trostmedaille. „Geht’s noch? Hast du deiner Schwester die Bronzemedaille weggenommen?“, frage ich entrüstet. „Nein!“, wirft das Zwergelinchen ein. „Ich wollte tauschen! Ich will die nicht mit dieser hässlichen Farbe! Diese ist viel schöner“, schwärmt sie glücklich, während die Zwergenprinzessin stolz die bronze-behangene Brust betrachtet. Ja, so kann man den Olympischen Gedanken auch interpretieren. Hauptsache, alle sind glücklich!

Advertisements
Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s