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Gutmensch?

Episode 54

Vor einigen Tagen wurde „Gutmensch“ in Deutschland zum „Unwort“ der Jahres 2015 gekürt, weil es, so die Jury, „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd“ diffamiere. Schade eigentlich. Denn sollten wir, gerade als Eltern, nicht alle ein wenig Gutmenschen sein wollen? Sollten wir nicht unseren Zwergen eine gewisse Dosis an Gutmenschentum vorleben, um sie zu guten Menschen zu erziehen? Möchten wir nicht alle eines Tages sagen können: „Mein Zwerg ist zu einem richtig guten Menschen geworden“?
Tja, ich glaube, ich habe  wieder einmal eine Gelegenheit dazu verpasst.
Als ich gestern das Zwergelinchen vom Kindergarten abhole, sieht sie ganz betrübt aus. „Was ist los?“, frage ich. „Urs ist so gemein“, antwortet sie zögerlich. „Was hat er gemacht?“ – „Er nimmt mir in der Pause immer das Dreirad weg. Immer. Er schupft mich einfach weg.“ Nachdenklich sehe ich sie an. Gäbe es so etwas wie „Gutzwerge“, dann wäre das Zwergelinchen einer davon. Aber im Zwergenuniversum gelten andere Regeln. Zwerge kämpfen mit harten Bandagen, das vergessen wir als Erwachsene einfach gerne. Allzu gute Gutzwerge gehen unter. „Du musst dich wehren!“, sage ich. „Du brauchst ja nicht unbedingt zu schupfen oder so. Aber sag ihm, er solle verschwinden, wenn er das nächste Mal kommt“. Das Zwergelinchen sieht mich skeptisch an. „Vergiss es. Der ist so stark!“ – „Na dann mach ihm Angst! Sag: „Hau ab, sonst knallt’s!“ und mach ein böses Gesicht! Stampf auf den Boden! Schrei ihn an!“. Ich komme richtig Fahrt. Und weil mich das Zwergleich noch immer ungläubig ansieht, ergänze ich: „Sag ihm, du holst sonst deinen grossen Onkel Nik und der ist der stärkste Mann der Welt und der beschützt dich!“. Da erkenne ich ein Blitzen in ihren Augen. Dieser Vorschlag gefällt dem Zwergelinchen. „Okay, ich probier’s“, nimmt sie sich vor.
Als ich sie am nächsten Tag wieder abhole, strahlt sie mich an: „Ich bin heute ganz lange Dreirad gefahren in der Pause!“ – „Wow, super! Wie hast du das geschafft?“, will ich wissen. „Ich bin aufgestanden, habe Urs böse angeschaut und ihm gesagt, wenn er mich nicht in Ruhe lässt, verhaut ihn meine Mama, wenn sie mich vom Kindgsi abholen kommt!“. Ups! Das Coaching ist wohl in die falsche Richtung los. Na dann hoffen wir mal, dass Urs das nicht SEINER Mama erzählt. Ich lasse mir zur Sicherheit schon mal die Nägel wachsen. Denn wenn es um die eigene Brut geht, hört bei allen Mamas das Gutmenschentum ganz schnell auf…

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