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Eitelkeiten

Episode 51

„Irgendwann hole ich mir noch den Tod – oder zumindest eine Lungenentzündung“, denke ich heute morgen, als ich im Pyjama vor dem Gartentor stehe und dem Zwerg nachwinke, der sich gerade auf den Weg zur Schule macht. Schliesslich haben wir Dezember und eine Aussentemperatur von zwei Grad. Das Gleiche denkt sich wahrscheinlich auch unser Nachbar, der gerade mit beschämt gesenktem Kopf an mir vorbeigeht und nicht weiss, ob er mich grüssen soll oder einfach so tun, als hätte er mich und mein Pyjama nicht gesehen. Oder vielleicht denkt der auch: „Um Himmelswillen, kann die sich nicht anziehen, bevor sie aus dem Haus geht?!“ Wahrscheinlich denkt er beides. Aber das ist mir in dem Moment egal, ich werfe ihm ein „Guten Morgen!“ zu und husche wieder rein.
Doch Moment mal, seit wann ist mir das denn eigentlich egal? Und sollte es mir überhaupt jemals egal sein? Darf ich meinen Mitmenschen tatsächlich jeden Anblick zumuten, einfach weil ich Mutter bin und zwischendurch logistisch überfordert? Nein, eigentlich nicht. Denn dann kann ich es ja gleich seinlassen mit dem Hübschmachen – und viel Geld sparen, anstatt es in Kleider und Makeup zu investieren. „Ab morgen gibt’s keine Pyjama-Show mehr!“, nehme ich mir vor und gehe mich anziehen.
Am Nachmittag sind wir mit dem Zwergenopa verabredet. Bei ihm in der Arztpraxis, ein Zwergen-Ohr muss untersucht werden. Gut gelaunt und adrett gekleidet betreten die Zwerge und ich den Empfangsbereich, ziehen Jacken und Mützen aus und plaudern mit den Assistentinnen. Ich trage sogar Lipgloss und bin frisch gekämmt. Dann kommt uns der Zwergenopa abholen und alles nimmt seinen gewohnten Gang. Erst nach der Untersuchung, als ich meine Jacke wieder anziehen will, blicke ich voller Entsetzen in den Spiegel an der Wand: Da thront ein riesiger orangener Fleck mitten auf meinem hellrosa Wollpullover!! Oh Mann, wann ist das denn passiert? Wie sehe ich jetzt schon wieder aus? Da fällt mir ein, dass ich zum Zvieri eine viel zu weiche Khaki aufgeschnitten habe und dass die sich wohl an meinem Pullover gerächt hat. Und zwar über die ganze Bauchbreite hinweg.
„Oh nein! Papa, warum hast du mir denn nichts gesagt?“, frage ich den Zwergenopa entsetzt. Der sieht mich ganz gelassen an, lächelt und sagt: „Wieso? Mamas sehen eben so aus. Nicht aufregen“. Und ob ich mich aufrege! Aber ob es etwas nützt, ist fraglich…

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