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Früher war es besser

Episode 50

„Früher war alles besser!“, wirft mir gestern mein wütender Zwerg entgegen. Na das fängt ja gut an, denke ich, wenn man mit sechs Jahren bereits wehmütig auf die Vergangenheit blickt. „Was meinst du?“, frage ich und schaue vom Laptop hoch. Die Zwergenprinzessin hat sich breitbeinig neben meinem Schreibtisch aufgestellt, die Arme kampflustig vor der Brust verschränkt. Sie erklärt: „Als du noch ins Büro gingst zum Arbeiten. Das war besser!“ – „Du denkst, ich soll lieber wieder wo anders arbeiten?“ Ich bin ziemlich erstaunt, hatte ich doch gedacht, dass mein Wechsel in die Selbstständigkeit und damit ins Home-Office zum Wohle aller sein würde. Keine festen Bürozeiten, keine Feriensperren, keine unnötigen Arbeitswege mehr. Dafür mehr Flexibilität, mehr Zeit am Morgen, mehr Raum für Unvorhergesehenes. „Aber früher hätte ich dich nicht einfach aus der Schule holen können, wie am Montag, als du Kopfweh hattest“, versuche ich zu argumentieren. „Und jedes Mal selbst zu Hause bleiben, wenn eine von euch krank ist, oder dich mit zwanzig Muffins bis zur Schulzimmertür begleiten, wenn du Geburtstag hast, – das war früher alles nicht so einfach“. Mir würden noch tausend Gründe einfallen, warum jetzt alles besser ist. Doch die Zwergenprinzessin verzieht keine Mine. Irgendwie ziehen meine Argumente nicht. Kein Wunder: sie hat die ganze Organisiererei im Hintergrund, das Betteln um Home-Office-Tage und die Nervenzusammenbrüche im abendlichen Stossverkehr gar nie mitgekriegt. „Dafür sitzt du jetzt aber immer am Laptop“, kontert sie. „Am Nachmittag, am Abend, am Samstag, am Sonntag, in den Ferien. Und immer sollen wir dich nicht stören!“ – „Aber doch nicht immer! Manchmal nur kurz…“, versuche ich zu relativieren. „Es nervt trotzdem! Ich wünschte, du hättest gar keinen Job!“. Was soll ich darauf sagen? Soll ich ihr erklären, dass ich meine Zwerge zwar liebe, sie mir aber nicht „Job“ genug sind? Oder dass ich einfach gerne arbeite? Oder soll ich lieber damit kommen, dass die tollste, neuste Barbie unter anderem darum unter dem Weihnachtsbaum liegen wird, weil auch ich Geld verdiene? Am Besten erkläre ich wohl gar nichts. Ich klappe den Laptop zu, stehe vom Tisch auf und frage: „Okay, also was machen wir heute?“. Zufrieden grinst mich die Zwergenprinzessin an und sagt: „Komm, wir fragen noch die anderen“, nimmt mich bei der Hand und zerrt mich ins Kinderzimmer. Dort sitzt das Zwergelinchen an ihrem kleinen Tischchen, einen Schuhkarton zum Laptop umfunktioniert, und ist voll konzentriert. Ohne uns überhaupt anzusehen spricht sie: „So, und jetzt alle wieder raus! Ich muss nämlich Texte schreiben. Da brauche ich Ruhe!“

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