November 2015

Schreckliches Vergnügen

Episode 49

Die Basler Herbstmesse ist jedes Jahr ein sehnlichst erwartetes Ereignis für die Zwerge. Es ist, als ob die ganze Stadt nur für sie präpariert wäre. An jeder Ecke süsse Köstlichkeiten, überall Ballone, blinkende Lichter, Musik.
Aber das Allerbeste sind natürlich die Bahnen. Doch während für die ganz kleinen das gemächliche Rösschen-Karussell bereits ein Highlight ist, kommen bei den grösseren Zwergen schon ganz andere Bahnen auf die Wunschliste. „Ich will auf das fliegende Ketten-Dreh-Ding! Und auf die Botsch-Autos! Dann will ich in die Geisterbahn und auf den fliegenden Teppich!“, ruft dieses Jahr die Zwergenprinzessin, als wir aus dem Tram steigen und uns in Getümmel stürzen. „Und wir müssen unbedingt ins Spiegellabyrinth! Da war gestern nämlich der Jan drin und ist mit einer riesigen Beule wieder rausgekommen, weil er voll in die Scheibe geknallt ist. Da muss ich hin!“. Na super! Klar, in dem Fall müssen wir da auch unbedingt hin.
Ich bin völlig überfordert. Nicht nur, dass ich in dem Moment realisiere, dass mich der Nachmittag finanziell ruinieren wird, sondern auch, weil mir klar wird, dass auch ich mich wohl oder übel in einige dieser Bahnen werde setzen müssen. Wo sind bloss die Zeiten geblieben, als man nach einer Zuckerwatte und zwei Fahrten auf der Baby-Bahn wieder nach Hause konnte?
Aber ich will ja keine Spielverderberin sein. Wir legen also los und bringen die Botsch-Autos und die Geisterbahn hinter uns. Als wir uns vor einer Bahn Namens „Snow Dream“ (so etwas wie ein Hochgeschwindigkeitskarrussell) in die Schlange stellen und ich auch etwas kleinere Fahrgäste aussteigen sehe, frage ich das Zwergelinchen, ob sie nicht auch mitfahren möchte. Als die jüngere hat sie sich bis jetzt noch überall zurückgehalten. Sie zögert. „Das dreht aber schon extrem schnell“, gibt sie zu bedenken und wird etwas blass. Doch dann sehe ich ein Funkeln in ihren Augen aufblitzen. „Ja, ich will mit!“, sagt sie und nimmt mich entschlossen an der Hand. Eine Entscheidung, die sie bereuen wird. Denn kaum hat sich der „Snow Dream“ in Bewegung gesetzt (und zwar nur, um noch weitere Fahrgäste einsteigen zu lassen), ist alle Freude aus ihrem Gesicht gewichen und die kleinen Fingerchen klammern sich bang um die Eisenstange vor uns. Dann geht es los. Die Bahn beginnt zu drehen und wird immer schneller. Die Zwergenprinzessin quietscht vor Vergnügen, das Zwergelinchen schreit aus Verzweiflung und ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Während ich das Zwerglein fest an mich drücke, versuche ich es zu beruhigen, doch es nützt nichts. Sie hat Todesangst. Dann ist es endlich vorbei. Weinend und wütend und ganz wackelig steigt sie aus der Bahn. Nach ein paar gebrannten Mandeln und vielen Streicheleinheiten, fängt sie sich schliesslich wieder. Nach ein paar weiteren Minuten huscht ein Lächeln über ihr Gesicht und sogar ein kleiner Anflug von Stolz. „Nächstes Jahr probiere ich es noch mal!“ gibt sie zu Protokoll. Es ist eben ein schmaler Grat zwischen schrecklichem Vergnügen und Todesangst.

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