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Es lebe der Familientisch!

Episode 46

Der Familientisch als soziale Institution ist im Verschwinden begriffen. Das sagen zumindest diverse Studien. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung isst über Mittag nicht zu Hause und auch das Abendessen wird zunehmend auswärts konsumiert. Ein Zeichen unserer Zeit. Pädagogen, Soziologen und andere Gesellschaftsforscher bedauern diesen Umstand sehr. Schliesslich seien gemeinsame Mahlzeiten „ein rituelles, verbindendes Element für unsere Beziehungen“. Ich pflichte ihnen natürlich bei – zumindest theoretisch.
In der Praxis hingegen frage ich mich manchmal, ob ich tatsächlich solchen Wert darauf legen sollte, dass wir mindestens einmal täglich alle zusammen essen. Denn so richtig entspannt läuft das ja in den seltensten Fällen ab.
Da wären zum Beispiel die Essmanieren. Während man den zwei- bis dreijährigen Zwergen das Herumkleckern, Finger in den Mund stecken und Essen wieder auf den Teller spucken noch verzeihen mag („Oh, jööö, schau, er hat sich den ganzen Brei ins Gesicht geschmiert, wie häääärzig!“), ist solches Verhalten bei den grösseren Zwergen nur noch lästig. Schliesslich will man sich ja nicht jedes Mal schämen, wenn man als Familie zum Essen eingeladen wird. Und so wird der Familientisch automatisch auch zum Erziehungstisch. Wie ein Mantra werden immer und immer wieder die gleichen Regeln wiederholt („Nicht mit den Fingern essen“, „Mund zu beim Kauen“, „Runterschlucken, dann sprechen“, „Serviette, nicht Hose benutzen“, etc.) und wie ein Naturgesetzt werden sie immer und immer wieder ignoriert.
Doch damit nicht genug. Begleitet wird das Ganze noch durch die obligaten Diskussionen darüber, was auf dem Teller liegt und ob es tatsächlich gegessen werden muss. Natürlich sind die Geschmäcker verschieden. Und natürlich sollen auch Zwerge ein Recht darauf haben, gewisse Speisen nicht zu mögen. Doch irgendwie beschleicht mich langsam der Verdacht, dass es dabei um etwas anderes geht, als simple Vorlieben. Zum Beispiel heute Mittag, als wieder eine typische Familientisch-Dialog losgeht. Das Zwergelinchen ist genervt:
„Oh nein, Erbsen!“
„Wieso? Du magst doch Erbsen…“
„Nein!“
„Seit wann denn das???“
„Schon immer!“
„Stimmt doch gar nicht: Letzte Woche hast du sie ohne Motzen aufgegessen!“
„Ja, aber die waren anders.“
„Woher willst du das wissen? Diese hier hast du noch gar nicht probiert!“
„Ja, aber ich weiss es eben! Und die mag ich nicht.“
„Du musst sie auch nicht mögen, nur essen!“
„Nein, lieber verhungere ich!“
„Okay, dann sitz wenigstens gerade, während du das tust!“.
Na, wenn das keine „verbindenden Erlebnisse“ für unsere Beziehung sind!

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