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Alles blöd!

Episode 45

Es ist 7.45 Uhr. Die Zwergenprinzessin sollte längst auf dem Weg in die Schule sein. Doch sie sitzt auf der Treppe und weint. „Ich will heute nicht gehen“, schnieft sie. Warum, weiss sie eigentlich auch nicht. Es ist einfach einer dieser Tage, an denen alles blöd ist. Die Schule ist blöd, die Kleider in ihrem Schrank auch, Frühstücken ist super blöd und danach Zähneputzen sowieso. Und am oberblödesten ist heute, eine Mama zu haben, die arbeitet. „Waaaas? Und dann muss ich heute auch noch in die Nachmittagsbetreuung??“, schnaubt sie entrüstet, als ich ihr in Erinnerung rufe, dass ich sie um 18 Uhr dort abholen werde. „Nein! Da gehe ich sowieso nicht hin. Dann bleibe ich grad ganz zu Hause!“, droht sie. „Wieso musst du überhaupt arbeiten? Kannst du nicht wie Marcos Mama einfach immer da sein?“ fragt sie tränenüberströmt.
Sie weiss genau, dass sie mich mit diesem Vorwurf am härtesten trifft. Schliesslich hat sie auch schon einige Jahre Übung auf dem Fachgebiet der emotionalen Erpressung. Aber natürlich falle ich – wie jedes Mal – wieder darauf rein. Ich erkläre, rechtfertige, entschuldige mich. Ich tröste, drohe, diskutiere abwechselnd und versuche sie dabei irgendwie aus dem Haus und auf den Schulweg zu schieben. Nicht ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben, natürlich. Denn welche Mutter hinterfragt nicht ihren Lebensstil, wenn sie in die tränengeröteten Augen ihres Zwerges blickt und die klammernde Umarmung mit Gewalt zu lösen versucht? Doch da es für das Problem in dem Moment sowieso keine andere Lösung gibt, verfahre ich nach dem Motto „Augen zu und durch“. „Los, geh jetzt!“, befehle ich und sie gehorcht – jedoch nur unter der Bedingung, dass ich sie so früh wie möglich abholen komme. Ich soll die erste Mama sein, die auftaucht. Denn bis um sechs halte sie es heute auf gar keinen Fall aus, schärft sie mir ein. Schliesslich ist dort ja alles so blöd!
Gut, damit kann ich leben. Ein bisschen kompromissbereit muss man sich ja zeigen. Dann gebe ich eben Vollgas, verschiebe eine Sitzung und erledige das, was liegen bleibt, nach dem Abendessen. Aber wenn es sein muss, kann ich heute auch um fünf statt um sechs Uhr bei der Tagesbetreuung sein. Denn der arme Zwerg kann ja nichts dafür, dass seine Mutter arbeiten geht!
Total stolz auf mich selbst – denn ich habe alles wunderbar hingekriegt mit der Arbeit – stehe ich also punkt 17 Uhr vor der Tür. Ich freue mich auf eine herzliche Umarmung der kleinen Drama-Königin und unsere Versöhnung. Doch stattdessen kassiere ich nur einen flüchtigen Blick aus dem Spielzimmer heraus. Die Zwergenprinzessin hat leider keine Zeit, mich zu begrüssen. Sie spielt grad so schön Monopoly und ist obendrein noch am gewinnen. „Oh nein, Mama! Du bist viel zu früh!“, ruft sie. „Kannst du nicht noch etwas einkaufen gehen und dann wieder kommen? Ich will jetzt nicht nach Hause!“ Na, das ist jetzt aber richtig blöd…

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