September 2015

Stift und Papier

Episode 44

Handy, Computer, Tablet, Internet: gehört alles längst zum ganz normalen Leben. Ganz besonders für die Zwerge – was für mich manchmal noch immer schwer zu fassen ist. Telefon mit Wählscheibe? Schreibmaschine? Wecker, der auf dem Nachttisch tickt? Kamera, in die man einen Film einlegt? Das alles haben sie noch nie gesehen. Das ‚analoge Leben’ gibt es nicht mehr.
Dafür gibt es aber das Smartphone. Schon die Kleinsten der Kleinen wissen, wie man es entsperrt und die Kinder-App findet, die Mama oder Papa extra heruntergeladen haben. Und während ich noch völlig fasziniert auf den Bildschirm starre, wenn mich jemand über „Facetime“ anruft, und es lustig finde, meine Gesprächspartner nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, lässt das die Zwerge völlig kalt. Was ist denn so besonders daran, mit dem Götti auf dem Bildschirm zu plaudern, während er am anderen Ende der Welt ist? Das Handy kann ja sowieso alles. Man kann damit jeder Zeit und überall Musik hören, man kann Fotos und Videos machen (vor allem letzteres ist besonders beliebt), Filmchen schauen, Spiele spielen und Antworten auf alle möglichen Fragen finden. Wirklich alle.
Während meine Eltern noch zum 24-bändigen Lexikon griffen, um die Frage „Wie gross ist eigentlich ein Condor?“ zu beantworten, greife ich heute automatisch zum Handy und habe Sekunden später – Google sei dank – die exakte Antwort parat. Auch „Soll ich heute Gummistiefel anziehen?“ wird mit „Ich schau mal kurz“ und Blick auf die Wetter-App beantwortet. „Wann kommt Papa heute heim?“: Ich sehe im Kalender auf dem Handy nach. „Wie spät ist es?“: Ich aktiviere das Handydisplay. „Warum werfen wir kein Geld in den Billettautomaten?“: Weil ich das Ticket gerade online löse…
Wie weit das Phänomen tatsächlich geht, wurde mir erst gestern schlagartig bewusst, als ich eine denkwürdige Lektion erteilt bekam. Die Zwergenprinzessin langweilt sich gerade. „Darf ich dein Handy haben?“ fragt sie irgendwann. „Wozu?“, will ich eher pro Forma wissen, denn ich nehme an, sie möchte Musik hören. „Ich will schreiben üben“, antwortet sie trocken. Ich blicke sie erstaunt an. Sie geht gerade mal seit zwei Wochen in die erste Klasse… „Du willst mit dem Handy schreiben? Wie soll das denn gehen?“ – „Ganz einfach: ich drücke auf die Buchstaben, die ich sehe. Und oben gibt’s das Wort.“ Sie öffnet die Notizen-App, um es mir zu zeigen. „Siehst du, so geht das viel schneller“, erklärt sie stolz, während sie den Titel eines Kinderbuchs nachtippt – Buchstabe für Buchstabe. „Aber so lernst du ja eben nicht SCHREIBEN. Schreiben tut man auf Papier. Mit einem Stift“, erkläre ich etwas verstört aber bestimmt. Da sieht sie mich mit ernstem Blick an und entgegnet: „Mama, also ehrlich. Wann schreibst DU etwas mit Stift und Papier?“

Advertisements
Standard

Ein Gedanke zu “Stift und Papier

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s