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Leben und Tod

Episode 43

Buchsbaumzünsler sind widerlich. Aus meiner Perspektive zumindest. Nicht nur, weil ich eine gewisse Aversion gegen Insekten im Allgemeinen habe, sondern auch weil sie meinen Garten verwüsten. Die frechen Raupen nagen mir drei Mal jährlich die Buchsbäume kahl.
Buchsbaumzünsler sind hübsch. Das findet die Zwergenprinzessin. Die leuchtend grünen Raupen mit den lustigen schwarzen Punkten haben es ihr angetan. Sie ist jedes Mal ganz entzückt, wenn sie wieder geschlüpft sind und unsere Hecke bevölkern. Dann werden sie beobachtet, von einem Zweig zum anderen umgesiedelt („Hier haben sie mehr zu fressen.“), eingesammelt oder ins Haus gebracht („Mama, die kommen zu mir ins Zimmer, die sind soooo härzig!“). Sie haben mittlerweile sogar den Feuerwanzen, die auch mal ganz hoch im Kurs standen, den Rang abgelaufen. Geduldig bastelt sie Buchsbaumzünsler-Terrarien, bringt ihnen Futter und Wasser, erzählt ihnen Geschichten und führt sie spazieren.
„Was hast du gegen sie?“, fragt sie mich gestern, als ich angeekelt das Gesicht beim Anblick der Widerlinge auf ihrem Arm verziehe. „Ich mag keine Raupen. Und diese hier machen auch noch unsere Pflanzen kaputt“, antworte ich. „Aber sie können doch nichts dafür! Sie müssen doch etwas fressen!“ – „Ja, schon, aber es sind einfach zu viele. Die Pflanze hält das nicht aus.“ – „Da können sie aber nichts dafür!“ – „Ich weiss, aber ich mag meine Pflanze eben lieber. Ich will sie retten, die Buchsbaumzünsler müssen weg.“ – „Wie meinst du das?“ – „Sie müssen eben weg.“ – „Wohin?“ – „In den Abfall.“ – „Aber dort sterben sie! Nein! Das kannst du nicht tun!“ Die Zwergenprinzessin ist völlig entsetzt. In ihrem Blick steht: Du Mörderin!
Etwas ratlos versuche ich es anders herum: „Ja, findest du es etwa gut, dass wegen ihnen die Pflanze stirbt? Hat die kein Recht, zu überleben?“, frage ich ein wenig stolz über meinen argumentativen Trick. „Also Mama, ehrlich“, seufzt sie kopfschüttelnd, „das ist eine PFLAN-ZE! Die spürt doch nichts. Dann kaufst du eben eine neue.“ Na toll! Das Mitleid mit Pflanzen ist wohl nicht so ausgeprägt, wie ich gehofft hatte. Während wir also weiter über das Recht auf Leben diskutieren, stehe ich (ich gebe es zu: aus Reflex) auf eine am Boden kriechende Raupe und zerquetsche sie dabei. „Pass doch auf!“, schreit die kleine Tierschützerin empört und ich realisiere, dass ich in dieser Diskussion nur noch verlieren kann. Ich lasse sie wohl besser allein, während sie mein Opfer beerdigt.
Wie ich ihr jedoch erklären soll, dass morgen der Mann mit dem Insektengift vorbeikommt und ihnen allen den Garaus macht, weiss ich wirklich nicht. Ich glaube, dann werden die Raupen eben alle ganz schnell zu Schmetterlingen geworden und weggeflogen sein. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Ich Lügnerin. Und Mörderin! Früher war das irgendwie einfacher…

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Ein Gedanke zu “Leben und Tod

  1. Ishimura san schreibt:

    Die Natur hat den Pflanzen keine möglichkeit gegeben, vor Mensche und Tieren zu flüchten. Daher meinen wir, anhänger der Shinto Religion,das die Bestimmung der Pflanzen ist,den Menschen und Tieren als Ernährung zu dienen. Deren Seele erfreut sich dies tun zu dürfen.

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