Juli 2015

Reisen

Episode 39

Wir gehören noch zu den altmodischen Familien, die mit dem Auto in die Sommerferien reisen. Den Kofferraum bis oben vollgepackt, die Zwerge eingepfercht zwischen Proviant und Gepäck, festgezurrt im 5-Punkte-Super-Sicherheitssitz, brechen wir jedes Jahr zur zehnstündigen Fahrt auf. Die Zeiten, als uns unsere Eltern noch bequeme Liegeflächen und Spielwiesen auf dem Rücksitzen einrichteten, sind ja bekanntlich vorbei. Der Sicherheit zu liebe. Den Eltern zu leide. Denn die grosse Kunst des In-die-Ferien-Fahrens besteht darin, die Zwerge während eines möglichst grossen Teils der Fahrt zum Schlafen zu bringen. Weil spätestens nach dem zwanzigsten Mal „Wie lang geht’s noch?“, die Nerven aller Beteiligten mehr oder weniger blank liegen.
Wir haben schon verschiedene Taktiken ausprobiert. Die naheliegendste ist, durch die Nacht zu fahren. Da gibt es allerdings zwei Schwierigkeiten. Die erste sind die oben erwähnten Kindersitze, die nicht wirklich zum Schlafen ausgelegt sind und die – wenn man Pech hat – dazu führen, dass der Zwerg die ganze Nacht hindurch quengelt statt schläft. Das zweite Problem ist der Tag danach. Denn wenn die Zwerge schön durchgeschlafen haben während der Fahrt, dann sind sie am nächsten Tag fit und nicht zu bremsen. Was dazu führt, dass wir, die uns mit fahren abgewechselt haben, völlig übernächtigt, mit roten Augen und am Rande des Nervenzusammenbruchs am Strand liegen und die Stunden zählen, bis der Tag endlich vorbei ist. Und uns gegenseitig davon abhalten, die quietschenden, tobenden und mit Sand umsichwerfenden Wesen höchstpersönlich zu ertränken. Nicht ideal.
Man kann die Reise auch in Etappen aufteilen und ein bis zwei Zwischenstationen mit Übernachtung einbauen. Dies verlängert zwar das Übel („Waaaas, müssen wir jetzt schon wieder ins Auto?“), macht es aber gleichzeitig aushaltbarer.
Das allerwichtigste ist aber, Beschäftigungsmöglichkeiten zu kreieren. Das können Hörspiele sein (nur blöd, wenn das Autoradio mitten im Kasperli den Geist aufgibt), Ausmal-Büchlein (nicht zu empfehlen bei kurvenreichen Strecken – Zwerge übergeben sich da noch gern), gemeinsames Liedersingen (hält aber auch nicht länger als dreissig Minuten hin) oder diverse Spielsachen.
Dieses Jahr habe ich die ideale Lösung gefunden: kleine portable DVD-Player! Perfekt! Wie im Flugzeug suchen sich die Zwerge je einen Film aus und wir verbringen die ersten Reisestunden in himmlischem Frieden. Bis die Akkus den Geist aufgeben. Eigentlich sollten die Geräte dann über die Zigarettenanzünder weiter betrieben werden können – doch das will (natürlich!) nicht so recht klappen. Also zurück zum „Wie lang geht’s nooooch?“-Terror. Alle zehn Minuten. „Mir ist soooo langweilig!“, jammert es von der Rückbank. „Langweile ist gut für euch!“, fauche ich irgendwann. „Das sagen Psychologen! Und jetzt beschäftigt euch mit eurer Fantasie!“ – „Wer sagt das?“ fragt die Zwergenprinzessin. „Psychologen“- „Wer ist das?“ – „Wichtige Leute, die immer recht haben.“ – „Die sind blöd“. Wunderbar. Dann nutzen wir also die Reisezeit, um die Persönlichkeitsentwicklung der Zwerge zu stärken. Nur blöd, dass wir da so dicht daneben sitzen müssen…

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