April 2014

Ein grosser Tag

Episode 34

Zwerge sind – vom Tag ihrer Geburt an – kleine Egoisten. Am Anfang ist das auch gut so, denn es ist nichts als reiner Überlebensinstinkt. Ein Säugling nimmt sich, was er kriegt und was er braucht. Das Hirn ist ausschliesslich damit beschäftigt, den noch so fragilen Körper am Leben zu halten. Dass da noch keine Ressourcen frei sind, um an die Menschen um sich herum zu denken, liegt auf der Hand und wir verzeihen es ihnen grosszügig.
Doch irgendwann ist dieses Stadium vorbei und die kleinen Würmchen mutieren zu sozialen Wesen. Und plötzlich sind sie darauf angewiesen, in Interaktion mit anderen Wesen zu treten. Dass das gar nicht so einfach ist, weiss jeder, der schon mal einen Streit zwischen zwei Einjährigen miterlebt hat, wenn sie sich mit vollem Körpereinsatz um ein Spielzeug prügeln. Das ist der Moment, wo für die Eltern die erste Etappe in der Egoismus-Bekämpfung ansteht: Das Teilen. Ihnen beibringen, dass das, was sie sich nehmen, für andere nicht mehr da ist. Und dass die anderen auch ein Ego haben und auch Dinge wollen. Das ist ein hartes Stück Arbeit.
Kaum hat sich das Teilen eingespielt, kommt der nächste Schritt: Rücksicht nehmen. Nein, man kann im Bus nicht lauthals herumschreien, weil es stört. Und wer einem Dreijährigen schon einmal erklären musste, dass er auf den Zoobesuch verzichten muss, weil die Schwester krank ist, weiss, dass Rücksicht und Verzicht zwei ganz grosse Herausforderungen sind für die kleinen Egoisten. Denn dass fremde Probleme plötzlich zu den eigenen werden sollen, ist nicht einfach zu verstehen.
So kämpfen sich Eltern Phase für Phase durch, erklären, drohen, diskutieren, bestimmen und bestrafen. Und das alles nur, um den natürlichen Egoismus ihrer Sprösslinge auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Und mit dem Ziel, sie zu liebenswerten Wesen zu machen.
Doch plötzlich, eines Tages, können sie ihr Ego selbst kontrollieren. Ohne Vorwarnung, ganz selbstverständlich. Heute ist so ein Tag: Das Zwergelinchen hat eine Geburtstageinladung erhalten, ihre allererste. Sonst ist es immer ihre grosse Schwester, die von Kindergartenfreunden zu Geburtstagen eingeladen wird. Doch das Zwergelinchen hatte bis jetzt noch keine ‚eigenen’ Freunde, die ihre eigene Gästeliste erstellen. Umso grösser ist ihr Stolz, als sie das Kärtchen überreicht bekommt. Als die Mutter des Geburtstagszwergs allerdings die Zwergenprinzessin daneben stehen sieht, fügt sie freundlich an: „Deine Schwester darf natürlich auch kommen!“. Doch diese antwortet überraschend: „Nein Danke“. Nanu? Ich bin irritiert. Wieso lässt sie sich freiwillig eine Party entgehen? Will sie etwa nicht mit kleineren feiern? Ist sie dafür schon zu cool? „Das war nicht gerade nett! Warum willst du denn nicht zum Fest?“ stelle ich sie wenig später zur Rede. „Weisst du, ich finde, meine Schwester soll das Fest ganz für sich alleine haben. Sie hat jetzt so lange gewartet und wenn ich eingeladen werde, darf sie ja auch nicht mit.“
Heute ist wirklich ein grosser Tag: Mein Zwerg beginnt seinen Egoismus von ganz allein zu regulieren. Wer hätte das jemals gedacht?

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