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Das leere Nest

Episode 33

Heute schlafen die Zwerge auswärts. Es ist erst das zweite Mal, dass sie das tun. Sie gehen zu meiner Freundin Tina, die sich für morgen ein Programm mit ihnen ausgedacht hat. Eigentlich hätte Tina bei uns schlafen sollen und morgen von hier aus zum Ausflug mit ihnen starten. Aber die Zwerge wollten es anders: Sie hatten regelrecht darum gebettelt, am Vorabend schon zu Tina gehen und bei ihr schlafen zu dürfen. Klar, so ist das Abenteuer noch grösser, ich verstehe schon. Und da ich morgen sowieso arbeiten und früh raus muss, ist der Plan eigentlich perfekt.
Doch nicht nur die Zwerge haben heute Abend etwas vor, auch ich bin verabredet. Während die Kleinen also emsig ihre Köfferchen packen und ich mich umziehe, schmiedet der Zwergenvater schon Pläne, wie er den Abend in himmlischem Frieden und mit uneingeschränkter Macht über die Fernbedienung verbringen könnte. Einen Horrorfilm mieten? Oder Champions League schauen? In Ruhe lesen? Beides? Alles? Wunderbar, die Möglichkeiten scheinen unerschöpflich. Alle sind glücklich.
Ein paar Stunden später, auf dem Nachhauseweg sehe ich mir im Tram die Fotos an, die mir die Zwergenbande aufs Handy geschickt hat: die Zwerglein beim Abendessen, beim Zähneputzen, beim Zubettgehen, froh und munter. Ich kann also völlig beruhigt sein, es geht ihnen wunderbar. Aber wieso ist da noch dieses andere Gefühl in der Magengegend? Habe ich etwa Zwergen-Weh anstatt sie Heimweh?
Oh wie schrecklich! Hatte ich mich nicht immer lustig gemacht über die Mütter, die jammern, wenn ihre Zwerge übers Wochenende weg sind oder sich darüber beklagen, dass sie schon „ausgeflogen“ sind? Ist doch toll, dachte ich immer, das heisst, sie sind selbstständig! Ist es nicht das, worauf wir sie die ganze Zeit vorbereiten? Ist das nicht das Ziel der ganzen Erziehungs-Übung? Müssen wir sie nicht schrittweise, vorausschauend dazu bringen, uns guten Gewissens eines Tages zu verlassen? Tja, so leicht wird die Sache vielleicht doch nicht… Würde auch ich etwa eine Mama sein, die dann ihr leeres Nest beklagt?
Zuhause angekommen, finde ich den Zwergenvater auf dem Sofa vor, wie erwartet. Doch irgend etwas stimmt an dem Bild nicht. Wo sind das zufriedene Grinsen und die totale Entspanntheit? „Ich habe das Empty-Nest-Syndrom!“ erwidert er ernüchtert auf meinen fragenden Blick, seufzt und legt gelangweilt die Fernbedienung zur Seite. So toll war der Abend allein zu Hause also auch nicht… Wir sehen uns an und lachen beide los. Ja, so kann man sich täuschen! Es ist eben nicht einfach, verlassen zu werden. Nicht nur als verliebter Teenager, auch als Eltern.

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