Februar 2015

Ich hätte nie gedacht, dass…

Episode 29

„Weisst du“, gestand mir heute eine Freundin, „ich hätte nie gedacht, dass auch mein Kind einmal sein Zvieri aus Beuteln schlürft“. Sie meinte damit die Fruchtpürees, die es neuerdings in Quetschbeuteln zu kaufen gibt und ohne die heute wohl kaum noch ein Zwerg aufwächst. „Als ich die zum ersten Mal im Einkaufsregal sah, fand ich sie einfach nur schrecklich. Ich dachte: wie kann man das seinem Kind nur zumuten?“ Dann fügte sie gelassen an: „Inzwischen isst meine kleine fünf pro Tag.“ Oh ja, dieses Gefühl kenne ich.
Ich hatte auch einmal eine Liste von Dingen, die ich meinen Zwergen eigentlich nie zumuten wollte. Zum Beispiel diese Doppelkinderwagen, in denen ein Zwerg unter dem anderen sitzt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich schockiert eine Mutter im Tram beobachtete, wie sie ihr Neugeborenes in der „Schublade“ unter ihrem anderen, oben sitzenden Zwerg verschwinden liess. Sonnenkind-Schattenkind-Wagen nannte ich diese Buggys heimlich. Ich würde diese Dinger nie fahren! Dachte ich zumindest – bis mein zweites Zwerglein zur Welt kam. Knappe drei Monate später war auch ich stolze Besitzerin eines solchen Wagens. Und es war mir dabei völlig egal, was andere davon halten würden.
Ich dachte auch immer, dass ich nie, aber auch wirklich nie zu den Müttern gehören würde, die die Breireste vom Lätzchen ihres Zwergs mit dem Löffel einsammeln und wieder zurück in seinen Mund stecken. Auch da hatte ich mich getäuscht.
Coca Cola, Nutella und Fertigpizza würden auch nie auf unserem Speiseplan stehen, genauso wenig, wie ich meine Zwerglein je bei McDonald’s verpflegen würde. Ja, klar….
Hätte mir mit Zwanzig jemand gesagt, ich würde einmal das wendige Coupé gegen einen Familien-Van eintauschen, hätte ich bloss gelacht. Und hätte ich damals auch schon gewusst, dass mir sogar die Kaugummireste in den Polstern meines zukünftigen Vans irgendwann egal sein würden, wäre mir das Lachen für immer vergangen.
„Ach weisst du“, tröstete ich meine Freundin, „ich habe auch immer gedacht, dass meine Kinder nie fernsehen würden!“ Das war, während der Schwangerschaft, wirklich eine meiner tiefsten Überzeugungen gewesen. Meine Zwerge sollten sich ausschliesslich mit Büchern, mit Musik, Kunst und Kultur beschäftigen! Ihre Fantasie entfalten, tanzen, Genies werden! Dachte ich mal. Bis mich die Realität unserer Zeit einholte. „Ja, das dachte ich auch immer!“, lachte meine Freundin. „Und jetzt kann ich es kaum erwarten, bis sie endlich fern sieht! Auch wenn dabei nur fünf Minuten Ruhe für mich herausspringen…“ Oh ja, dieses Gefühl kenne ich.

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