Dezember 2014

Vier Stiche für eine Pirouette

Episode 25
Es ist ein Freitagabend wie jeder andere. Wir essen zu Abend, plaudern und lassen den Tag Revue passieren. Zwergenpapa und -mama freuen sich auf ein erholsames Wochenende, die Zwerge aufs Ausschlafen. „Weisst du, was ich heute geübt habe?“ fragt das Fräulein Zwerg und rückt ihren Stuhl vom Tisch. „Eine Pirouette mit Sprung!“ verkündet sie stolz. Es ist nicht das erste Mal, dass wir Purzelbäume, Spagate (oder zumindest Versuche davon) und ‚Pirouetten’ demonstriert bekommen. Ich gebe ein routiniertes „Ah, toll, zeig mal“ zur Antwort ohne wirklich den Blick vom Teller zu nehmen, während sich die Ballerina in Position bringt. Darum verpasse ich – genauso wie der Zwergenvater – das eigentliche Kunststück und schrecke erst auf, als ich den Aufprall höre. Es ist ein schrecklicher Knall. Er geht durch Mark und Bein und wir wissen beide sofort: Jetzt ist wirklich etwas passiert. Etwas Schlimmes.
Was folgt, ist Chaos. Die Zwerge schreien (einer vor Schmerz, der andere vor Schreck), der Vater steht schon in der Jacke, während ich nicht wahrhaben will, dass jetzt ein Spitalbesuch angesagt ist. Nach ein paar Minuten haben wir uns alle wieder gefangen. Der Blutfluss ist gestoppt und ich bin mit dem schluchzenden Zwerglein und seinem aufgeschlagenen Kinn auf dem Weg zur Notfallstation. „Alles wird gut“, rede ich mir heimlich zu.
Zwei Stunden und vier Nahtstiche später sitzen wir auch schon wieder im Auto. Abgesehen von einer unbedeutenden Narbe sind keine bleibenden Schäden zu befürchten. Und während ich darüber nachgrüble, wie es eigentlich passieren kann, dass aus der banalsten plötzlich eine brenzlige Situation wird (schliesslich waren wir weder Rollerbladen, noch Eiskunstlaufen – wir waren doch einfach nur beim Abendessen!!), geniesst das Zwerglein die Entspannung, die ihr die Betäubung der Wunde beschert hat. „Weißt du Mama, es ist schon lustig“, sagt sie plötzlich, „auf dem Hinweg hatte ich noch solche Angst. Und jetzt, auf dem Rückweg, finde ich es eigentlich irgendwie cool“. Ja, da werden die Kindergartenkameraden grosse Augen machen, bei dem Verband…
So plötzlich der Schreck über uns gekommen war, so schnell war er auch wieder vorbei. Und irgendwie ahne ich, dass dieser Abend unter dem Titel „Vier Stiche für eine Pirouette“ in die familiäre Anekdotensammlung eingehen wird.
Glück, sehr viel Glück gehabt!

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