August 2014

Abende unter Freunden

Episode 17

Schön waren sie, die Abende, als wir mit Freunden bis tief in die Nacht am Tisch sassen, Wein tranken, rauchten und über Gott und die Welt diskutierten, bis uns die Augen zufielen. Dabei retteten wir jedes Mal die Welt. Natürlich, manchmal gerieten wir uns auch in die Haare, wurden laut oder jemand verliess wütend die Runde. Doch wir wussten: am nächsten Tag war das gegessen. Falls man sich überhaupt noch erinnerte, warum man sich gefetzt hatte. Das waren die Abende, an denen keiner auf die Uhr sah und wer das letzte Tram verpasst hatte, eben das Erste am nächsten Morgen nahm. Gesprächsstoff gab es ja genug.

Doch dann begannen die ersten, auszufallen. „Sorry, wir müssen jetzt los, die Babysitterin kann nur bis 23 Uhr bleiben“, hiess es. Oder: „Entschuldigung, wir haben den Zwerg mitgebracht – die Grossmutter ist krank.“ Kein Problem, wir machten das Beste daraus. Dann verzogen sich die Raucher eben auf die Terrasse und die anderen reichten sich – noch etwas unbeholfen – das Baby von Schoss zu Schoss. Und wir diskutierten weiter, so gut es ging.

Aber irgendwann waren es zwei oder drei Babies, irgendwann die ersten Krabbelwerge, die unter dem Tisch hindurchwuselten, irgendwann die ersten Zwergenkinder, die mit am Tisch sassen. Und unsere Abende wandelten sich immer mehr.

Heute raucht so gut wie niemand mehr – wir sind schliesslich verantwortungsbewusste Eltern. Und auch getrunken wird nur noch in Massen. Denn ein Kater ist noch viel härter, wenn einem die bestens gelaunten, frühaktiven Zwerge um die Ohren tanzen. Das tut sich niemand freiwillig an.

Auch an einen richtigen Diskussionsstrang ist nicht mehr zu denken. Man ist froh, wenn man nach der Windelwechsel-Pause den roten Faden überhaupt noch findet. Meistens teilt sich die Partyrunde sowieso in Grüppchen: in die, die gerade am Tisch den Brei verfüttern, die, die den Turbokrabblern hinterherrennen und die, die im Gästezimmer versuchen, ihren Zwerg zum Einschlafen zu bringen.

Nein, die Abende unter Freunden sind nicht mehr gleich. Wir retten die Welt nicht mehr. Und wir sitzen nicht mehr zusammen bis zum Morgengrauen. Aber das ist gut so. Denn keiner von uns würde je wieder zurück wollen!

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