Juli 2014

Sommernächte

Episode 15

Das Schönste am Hochsommer ist, dass alles ein klein wenig aus den Fugen gerät. Alles wird langsamer. Der Alltag macht Pause – und mit ihm so manche Erziehungsregel. Wenn es einfach zu heiss ist für Spaghetti, gibt es eben Glace. Wenn es einfach zu heiss ist zum Aufräumen, bleiben die Sachen eben liegen. Und wenn es einfach zu heiss ist zum Schlafen, bleibt man eben wach. Denn auch die besten Einschlafrituale nützen nicht viel bei 28 Grad Zimmertemperatur.

So sitzen wir also alle gemeinsam in einer heissen Sommernacht auf der Terrasse des Ferienhauses und schauen in den Sternenhimmel. „Mama, wo wohnt der Mond?“ – „Da, wo auch die Sterne wohnen.“ – „Wo ist das?“ – „Im Weltall, dort wo unser Himmel aufhört und das schwarze Drumherum anfängt“. Das Zwergelinchen sieht mich sehr skeptisch an. Ich spüre, sie glaubt mir kein Wort. „Und am Tag?“ – „Dann auch. Er ist dann einfach auf der anderen Seite der Welt, da, wo dann Nacht ist“. Sie denkt nach. Das klingt alles schon ziemlich unglaubwürdig. Nach ein paar Minuten fasst sie zusammen: „Dann setzt er sich also auf den Rand vom Himmel, schaut uns an und streckt seinen Popo ins Weltall?“ – „Genau.“ – „Aha“. Jetzt ist offenbar alles klar. Erleichtert lehnt sich Zwergelinchen wieder zurück und betrachtet verzückt den Herrn Mond.

‚Da bin ich ja noch gut davon gekommen’, denke ich gerade, als der Zwergenvater zur Sternenkunde-Lektion ausholt: „Seht ihr, das da ist die Milchstrasse“. Er liebt Astronomie. Ich ahne, dass uns das Wort Milchstrasse noch arg in die Bredouille bringen wird. Eine Viertelstunde später, nachdem wir geklärt haben, dass es nicht wirklich eine Strasse im Himmel gibt und dass sie mit der Milch auch nur die Farbe gemeinsam hat, kommen wir zu den Sternschnuppen. Fragen über Fragen! Wieso fallen Sterne herunter? Und wieso kommen sie nicht unten an? Und wie können Sterne brennen? Am Ende meiner mentalen Kräfte (es ist bereits Mitternacht) kürze ich die Sache ab: „Das Wichtigste bei den Sternschnuppen ist, dass man sich etwas wünscht, wenn man sie sieht“. Sehr gut. Das kann man sich merken. Das gefällt den Zwergen! Also warten wir geduldig auf die nächste Sternschnuppe. Gebannt starrt die Zwergenprinzessin in den Himmel und wackelt gedankenverloren an ihrem ersten Wackelzahn (dem ultimativen Beweis dafür, dass sie schon so gut wie erwachsen ist). Und endlich: „Da ist eine! Da! Da!“ Völlig ausser sich vor Freude hüpft sie vom Stuhl, schliesst ganz fest die Augen und wünscht sich etwas.

Wenig später gehen wir dann doch noch zu Bett. Es wird gerade still, da steht die Zwergenprinzessin plötzlich neben mir: „Ich muss dir unbedingt ins Ohr flüstern, was ich mir gewünscht habe!“ – „Also gut, was?“ – „Dass mir alle Zähne ausfallen!“ Da ist es schon wieder fertig mit der Stille – ich habe schon lange nicht mehr so laut gelacht…

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