Juni 2014

Auge um Auge

Episode 12

Ein spitzer Schrei gellt durchs Haus. Erschrocken springe ich auf und renne die Treppe hinunter. Was ist los? Zwergelinchen steht heulend im Gang. Verzweifelt schimpft und stampft sie vor sich hin. Ich verstehe kein Wort, aber bin erleichtert. Wenn sie so wütend sein kann, ist ihr offensichtlich nichts Schlimmes passiert. Ihr nicht. Aber dem armen Niluferd schon…

Niluferd ist ein Schaf und eine wichtige Person im Zwergenland. Er ist Zwergelinchens bester Freund. Ohne ihn schläft sie gar nicht gern ein. Und wenn sie Sorgen hat, dann tröstet er sie. Nun sehe ich ihn durch die Luft fliegen – Zwergelinchen hat ihn angewidert in die Ecke geschmissen. „Wieso bist du böse auf Niluferd?“ frage ich erstaunt. „Nicht der Niluferd ist bös. Tony ist bös!“, schluchzt sie verzweifelt. „Er hat ihn verbissen, jetzt hat er kein Auge mehr!“. Das Drama ist also grösser, als ich gedacht hatte. Tony, der (echte) Hund, hat in einer Frustattacke („Warum schmust ihr immer mit denen aus Plüsch anstatt mit mir?“) Niluferds linkes Auge gefressen. Oder zumindest weggekaut.

Ich hebe den Verwundeten auf: „Schau mal, so schlimm ist das doch nicht. Wir machen ihn sauber und kleben ihm ein Pflaster drauf. Dann sieht er aus wie ein mutiger Pirat. Eigentlich ist er jetzt noch cooler!“. Ich gebe wirklich mein bestes, um den einäugigen Niluferd zu etwas ganz Besonderem zu machen. Mit Erfolg: nach einiger Überzeugungsarbeit hat sich Zwergelinchen beruhigt und ist bereit dazu, Niluferd zu verarzten. Immer noch etwas skeptisch legt sie ihn in ihr Bett, damit er sich ausruhen kann. Wir geben ihm beide ein Küsschen. Stolz auf die gelungene Wiederbelebung des Totgeglaubten lege ich die Geschichte ad acta, denn jetzt ist ja alles wieder gut…

Als ich am nächsten Morgen Niluferd unter dem Bett vorfinde, lege ich ihn mechanisch wieder aufs Kopfkissen. Er muss in der Nacht rausgefallen sein, so wie schon oft. Doch nach ein paar Tagen fällt mir auf, dass Niluferd jeden Morgen unter dem Bett liegt. Und im Puppenwagen hat er auch schon lange nicht mehr mitfahren dürfen. „Armes Tier!“, denke ich und klopfe ihm den Staub vom Fell. Da fällt mir erst auf, wie schrecklich er eigentlich aussieht. Das Pflaster ist natürlich längst weg und aus der klaffenden Wunde hängen überall Fäden heraus. Es war wohl doch etwas viel verlangt von Zwergelinchen, neben diesem Zombie-Gesicht schlafen zu müssen! Und für die Lektion in „Die inneren Werte zählen“ ist es definitiv noch etwas zu früh. Ich beschliesse darum, Niluferd einen Knopf als Augenersatz anzunähen. Seither darf er wieder mitspielen. Zwar nicht in der ersten Liga (da hat inzwischen ein Hase seinen Platz erobert), aber immerhin schläft er nicht mehr unter dem Bett. Ja, das Leben kann hart sein im Zwergenland…

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