Mai 2014

Räubergeschichten

Episode 10

In jeder Familie gibt es Räubergeschichten. Sie basieren auf wahren Begebenheiten und handeln von abenteuerlichen Momenten, Unfällen, Streichen oder sonstigen unerwarteten Zwergen-Aktionen. Manche sind spektakulär, manche lustig, andere wiederum beängstigend. Aber alle werden wie Schätze gehütet, regelmässig hervorgeholt und jahrelang genüsslich wieder und wieder erzählt. Mit Vorliebe von den Zwergenmamas, während die (inzwischen herangewachsenen) Teenager-Zwerge gelangweilt die Augen verdrehen. Es ist dabei immer dasselbe: in dem Moment, wo die Räubergeschichten passieren, wünscht man sich ganz weit weg. Aber im Nachhinein würde man sie nie wieder hergeben wollen.

Meine Familie hat eine überdurchschnittlich grosse Schatztruhe voller Räubergeschichten. Denn mein Bruder war ein richtiger Räuberzwerg. Natürlich ein lieber. Aber ein Räuber. Zum Beispiel als er mit Akrylfarbe quer über das Garagentor seines (natürlich sehr bösen, ungerechten und fiesen) Primarlehrers „Ars**loch“ schreiben wollte. Leider – oder Gott sei Dank – war der Topf nach dem „l“ leer. Die Farbe reichte zwar nicht, um das Wort fertig zu schreiben, aber es war noch genug da, um eine Tropfspur bis zu unserem Haus zu hinterlassen. Das war teuer.

Auch gern erzählt wird die Geschichte, als er als Fünfjähriger mit dem Velo seitwärts in ein Fahrschulauto gerast ist. Dabei spickte er vom Rad und flog über die Motorhaube. Auf der anderen Seite stand er sofort wieder auf, schnappte sich sein Velo und versteckte es in der Parallelstrasse (Spuren verwischen!). Dann schlich er über einen Umweg nach Hause und setzte sich schweigend aufs Sofa. Dass er einen gebrochenen Arm hatte, fiel erst später auf. Währenddessen sass der geschockte Fahrschüler weinend auf dem Bordstein und wurde von einer Passantin getröstet. Sein Fahrlehrer klingelte der Reihe nach an allen Haustüren, um herauszufinden, wem der Kamikaze-Zwerg gehörte und ob er noch lebte…

Doch das Schöne an Räubergeschichten ist ja: Sie haben per Definition ein Happy End. Und so hat auch mein Bruder seine Kindheit überlebt. Genauso wie der Zwergenvater, über den ich auch schon manch spektakuläre Räuberei gehört habe.

Und ihr, meine lieben Prinzessinnen, was werden wir von euch zu erzählen haben? Dass auch ihr es faustdick hinter den Ohren habt, ist unbestritten. Doch als eure Mutter habe ich immer noch die Hoffnung, dass die härtesten Räubergeschichten-Gene auf dem Y-Chromosom liegen und nur an Söhne vererbt werden. Obwohl: ein bisschen schade wäre es ja schon…

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