Februar 2014

Fasnacht

Episode 5

Eine der wichtigsten Requisiten in Zwergenzimmern sind die sogenannten Verkleidungskisten. Die sind prall gefüllt mit Tier- und Piratenkostümen, Feenflügeln und Schleiern, aber auch ausrangierten Kleidungsstücken, Taschen, Hüten,  Masken, Perücken. Denn alle Zwerge lieben Rollenspiele. Meist finden diese hinter verschlossenen Türen statt. Die kleinen Könige, Polizisten und Elfen ziehen sich dann jeweils gerne zurück in ihre Welt und wollen nur ungern beobachtet werden.

Aber dann kommt einmal im Jahr die Fasnacht. Endlich darf man mit dem Kostüm auf die Strasse! Und alle anderen auch! Was für eine Aufregung. Plötzlich vermischen sich die Welten, die Zwerge dürfen Ihre fiktiven Alter Egos in die Realität übersetzen und alle finden das normal. Fasnacht ist wunderbar. Aber Fasnacht ist auch Stress. Denn die Frage „Was soll ich anziehen?“ hat zum ersten Mal richtig viel Bedeutung. Das Kostüm muss einfach passen. Dieses Jahr klang das so: „Ich will diesmal ein Waggis sein!“ Eine Woche später, derselbe Zwerg: „Ich gehe doch lieber als Prinzessin!“ Zwei Tage vor der Fasnacht: „Ich gehe als gefährliche Piratin!“ Jeder, der schon einmal versucht hat, so einen Zwerg kurzfristig umzustimmen, weiss: das ist unmöglich. Also dann, nichts wie los in die nächste Spielwarenabteilung zum Kampf um die letzten verbliebenen Augenklappen. Denn es geht hier nicht einfach um eine Verkleidung. Für die Zwerge geht es vielmehr darum, wen sie in diesem Moment verkörpern oder besser: wer sie in diesem Moment tatsächlich sind.

Das wurde mir an der vorletzten Fasnacht klar, als ich mit zwei Tigerinnen unterwegs war. Zwei höchst gefährliche und böse um sich blickende Bestien: Die eine noch im Buggy, die andere grad knapp so gross, dass sie von den Trommelstöcken der Tambouren nicht zufällig erschlagen wird. Irgendwann suchten wir Zuflucht in einem Café und tranken ein Glas heisse Milch – sehr zum Entzücken von zwei älteren Damen, die Ihre Blicke gar nicht von den beiden Raubkatzen lassen konnten. Freundlich winkten sie hinüber: „Ja hallo! Was seid Ihr denn für zwei süsse Tiger?“. Keine Antwort, kein Lächeln, nicht einmal ein Schulterzucken. Nur ein böser Blick war die Antwort. Ich, peinlich berührt, lächelte, grüsste freundlich und zahlte ziemlich rasch. Wieder vor der Tür fauchte ich: „Sag mal, wieso warst du denn so unhöflich? Du musst die Leute doch wenigstens grüssen!“. Die Tigerprinzessin sieht mich fassungslos an: „Hast du denn schon mal einen Tiger sprechen gehört?!“ Stimmt, habe ich nicht.

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