Februar 2014

Von Gotten und Göttis

Episode 4

Es ist eine verzwickte Sache mit den Gotten und den Göttis.
Selber göttilos aufgewachsen war für mich immer klar: meine Zwerge sollten es mal besser haben. Gotte und Götti waren Pflicht, auch ohne Taufe. Was mir nicht klar war: Die Götti-Findung gestaltete sich ungefähr ebenso kompliziert wie die Namensfindung der zukünftigen Zwergenwesen.

Während dem Zwergenvater eine Göttifigur vorschwebte, die ihre Verbindungen spielen lässt, wenn es um den Auslandsaufenthalt nach dem Studium geht, sah ich die perfekten Göttis mit dem Kinderwagen liebevoll Runden im Park drehen, Ausflüge in den Europa-Park organisieren und Kuchen zum Geburtstag backen. Also was tun?

Es gibt die Personen im Freundeskreis, die irgendwie jeder als Gotte oder Götti der eigenen Brut sieht. Ich weiss nicht genau, was diese Personen an sich haben. Es muss eine besondere Aura sein. Sie sind zuverlässig, kinderlieb, fürsorglich – und haben irgendwann gefühlte 37 Göttikinder.

Gerne fällt die Wahl auch auf zwergenlose Singles. Da weiss man, dass das eigene Zwerglein an erster Stelle stehen wird und der Jöö-Effekt keine Grenzen kennt. Ausserdem stehen dem abendlichen Babysitting keine eigenen Pläne im Weg. Bis die Singles dann keine mehr sind und das eigene Zwerglein da ist.

Die eigenen Geschwister als Götti oder Gotte einzusetzen ist natürlich auch ein Klassiker. Doch da lauern ebenfalls Komplikationen. Was tun, wenn man zwei Schwestern oder Brüder hat? Verletzte Gefühle sind vorprogrammiert. Auch aus Sicht der Zwerge ist diese Konstellation schwierig, nämlich dann, wenn das zweite zur Welt kommt. Die Tante ist dann zwar von beiden Tante, aber nur vom ersten die Gotte. Da fragt man sich als Zwerg: Hat sie darum das erste lieber?

Was mir damals schon dämmerte, weiss ich heute mit Sicherheit: Strategische Überlegungen bei der Göttifindung sind zwecklos. Erstens: Es wird sich sowieso alles ändern, denn welche Freundschaft und wessen Lebenssituation bleiben schon über Jahre gleich? Zweitens: Die Zwerge bestimmen am Schluss eh selber, wer ihnen wie nahe steht. Das sieht dann beispielsweise so aus:

Tina ist meine beste Freundin und sie ist die Gotte der kleinen Zwergenprinzessin. Letzten Dienstag begleitete sie die grosse Zwergenprinzessin alleine in den Kindergarten. „Hallo Frau Meyer, das ist meine Tante Tina“, erklärte diese der Kindergärtnerin völlig selbstverständlich. Erstaunt ob der plötzlichen Beförderung zum Familienmitglied liess es Tina auf sich beruhen und grinste nur. Schliesslich hatte die Prinzessin doch Recht: Wer braucht schon eine Gotte, wenn er eine Tante haben kann? Wo die Zwerge regieren, sind eben nicht einmal Verwandtschaftsgrade in Stein gemeisselt…

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